Die retrospektiv
angelegte Ausstellung „Perry Kretz – Reportagefotografie“ im
Forum für Zeitgenössische Fotografie verstand sich
nicht nur als Bilder-Schau, sondern auch als Beitrag zur aktuellen
kritischen Diskussion über den Wahrheitsgehalt und die
Ethik von Bildberichten aus Kriegs- und Krisengebieten. Im Rahmen
der Ausstellung lud das Forum für Zeit-genössische
Fotografie zu folgenden Vortragsabenden ein:
Mittwoch, 11. Juni 2003,
19 Uhr
„James Nachtwey in Baghdad“
Vortrag von Otto Karl Werckmeister
Abstract: In der heutigen Kriegsfotografie sind Bildbericht
und Stellungnahme weit auseinander getreten, ja polarisiert.
Sie verhalten sich zueinander wie Be-hauptung und Kritik. Ich
werde das an dem Fotografen James Nachtwey zu erläu-tern
versuchen, der zwischen 1986 und 2001 der Magnum-Agentur angehörte,
bis er schließlich das öffentliche Prestige des “größten
Kriegsfotografen unserer Zeit” errang. Frank Capa, Mitbegründer
der Magnum-Agentur, war der erste Träger ei-nes solchen
Ehrentitels. An der historischen Distanz zwischen Nachtwey und
Capa lässt sich ermessen, was sich in der Zwischenzeit geändert
hat.
Otto Karl Werckmeister (1934) lebt nach langjähriger Lehrtätigkeit
an der Uni-versity of California in Los Angeles und an der Northwestern
University in Evans-ton, Illinois, seit 2001 wieder in Berlin.
Letztes Buch: Linke Ikonen, München, 1997. In Vorbereitung:
Der Medusa-Effekt: Bildstrategien seit dem 11. Septem-ber und
The Political Confrontation of the Arts: From the Great Depression
to the Second World War.
Montag, 16. Juni 2003,
19 Uhr
„Rasterpunkte bluten nicht“ -
oder das neue Bild des Krieges.
Vortrag von Markus Lohoff
Abstract: Die Bildberichterstattung über
den Zweiten Persischen Golfkrieg zeichnete sich durch interessengeleitete
Inszenierung
und wirkungsorientierte Medien-gestaltung aus. Dabei waren es
weniger Aufnahmen, die durch Stromlinien- und
Werbeästhetik das Bild eines sauberen Krieges in den Köpfen
der Zuschauer etablierten, sondern die Raketen- und Cockpitbilder
alliierter Kampfflieger, die Luftangriffe auf irakische Einrichtungen
dokumentieren. Mit diesen technischen Bildern des Krieges trat
ein Stereotyp in Erscheinung, der weitgehend unmodifiziert bis
heute Bestand hat: das Bild eines mit höchster Präzision
geführten High-Tech-Krieges in dem menschliches Leiden keine
Rolle zu spielen scheint.
Markus Lohoff (1968) Studium der Kunstgeschichte, Komparatistik,
Deutschen Philologie und Neueren Deutschen Literaturgeschichte
an der RWTH Aachen, 2000-2001 Graduiertenstipendium des Landes
NRW zur Förderung der Promotion. 2001 Lehrbeauftragter am
Institut für Kunstgeschichte der RWTH Aachen, 2001-2002
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte
der RWTH Aachen, seit 2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Institut für Kunstwissen-schaft der Universität Koblenz-Landau,
Campus Koblenz. Forschungsgebiet: Äs-thetische Dimensionen
wissenschaftlicher Bilder.
„The Unreliable Witness“ – Aktuelle Positionen
künstlerischer Fotografie zum Krieg
Vortrag von Agnes Matthias
Abstract: In der zeitgenössischen künstlerischen Fotografie
sind Strategien der Fiktionalisierung eines Mediums in den Vordergrund
gerückt, das im Alltags-gebrauch als Instrument der Wirklichkeitsaufzeichnung
rezipiert wird. Der Ge-genstandsbereich Krieg eignet sich in
besonderer Weise dazu, Fotografie als ein Instrument der Erzeugung
von Faktizität zu untersuchen, weil sich die Wirklichkeit
von Krieg vielfach als medial vermitteltes Geschehen aus Presse-
und Fernsehbil-dern konstituiert. Von Künstlerinnen und
Künstlern wie Willie Doherty, Sophie Ristelhueber oder Paul
M. Smith wird Fotografie zur kritischen Reflexion eben die-ses
Prozesses eingesetzt. In ihren Werken beginnt das Medium zwischen
den Po-len von Dokument und Nicht-Dokument zu oszillieren, ein
interpretatives Feld er-öffnend, innerhalb dessen die Betrachter
den Status des fotografischen Bildes neu aushandeln müssen.
Agnes Matthias (1973), Studium der Kunstgeschichte und Empirischen
Kultur-wissenschaft in Tübingen; Wissenschaftliche Angestellte
im Sonderforschungsbe-reich 437: „Kriegserfahrungen – Krieg
und Gesellschaft in der Neuzeit“, Universi-tät Tübingen;
kunstgeschichtliche Dissertation zum Thema „Fotografie
und Krieg. Visualisierungsstrategien in der künstlerischen
Fotografie der Gegenwart“.
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